The Milk of Dreams - Reise zur 56. Biennale Arte von Venedig

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Von Montag 26.9.2022 bis Freitag 30.9.2022 unternahmen die SchülerInnen der 7A und 7B eine Reise zur diesjährigen Biennale von Cecilia Alemani nach Venedig. Den Titel “The Milk of Dreams” entlehnt die Kuratorin dem zu Lebzeiten unveröffentlichten Kinderbuch der surrealistischen Künstlerin Leonora Carrington.

Schon wenn der Zug die Station Mestre Centrale verlässt und die Bahntrasse auf die Lagune hinausführt, zeigt sich die Besonderheit der Stadt, aber der wohl ungewöhnlichste Schritt ist der aus der nüchternen Bahnhofshalle direkt in die Lagunenstadt.

Zu jeder Großausstellung gibt es Rankings, die meisten versuchen nicht, ihre aufgestellte Reihung stichhaltig zu verteidigen, sondern geben einen losen Überblick als eine Art Empfehlung. Es scheint, als wären Rankings die einfachste Textsorte, um eine begrenzte Zahl an besonders sehenswerten Ausstellungen oder künstlerischen Positionen vorzustellen, und dadurch Übersicht in die auf den ersten Blick überwältigende Fülle zu bringen. Auch wir haben einige Rankings konsultiert, um die Auswahl leichter zu treffen, und schreiben hier unser eigenes.

 

1:

Uffe Isolotto, dänischer Pavillon, Giardini

Das äußere Erscheinungsbild des dänischen Pavillons ist unauffällig und schlicht – niemals hätten wir gedacht, dass sich hinter den unscheinbaren Betonwänden berührende und schockierende Installationen befinden. Die Künstlerin Uffe Isolotto stellt mit ihren hyperrealistischen Statuen von Zentauren eine emotionale Beziehung zwischen Tier und Mensch her und bringt dem Betrachter so den Tod von Lebewesen näher. Dieser prägt die Atmosphäre des Innenraums, der einem verlassenen Stall mit verwesendem Heu ähnelt. Die Wände strahlen eine feuchte Kälte aus – der Raum wirkt starr und seelenlos. Doch anstatt, dass der Tod des Menschen zum Thema wird, werden dessen Emotionen und Handlungen genutzt, um den Wert des Tierlebens auf den gleichen Stellenwert anzuheben. (Paul Rhomberg)

2:

Anish Kapoor, Galleria dell'Accademia

Zweidimensionale Körper, dreidimensionale Flächen – Anish Kapoors schwärzestes Schwarz tilgt die Dreidimensionalität aus den Objekten.
Was von vorne betrachtet aussieht wie ein Quadrat, ist von der Seite eine dreidimensionale Skulptur, da das tiefste Schwarz alles Licht schluckt und jegliche Form verschwinden lässt.
Eine Farbe, die in der Natur unmöglich vorkommen kann, ein Spiel mit Fläche und Form, eine Täuschung unserer Wahrnehmung. (Iris Frank)

3:

Liu Jiayu, Wang Yuyang, Xu Lei, AT Group, Chinesischer Pavilion, Arsenale

Magische Landschaft
Quelle der Ruhe und Kraft
Vollendete Einheit
(Elisa Siller)

4:

Pedro Neves Marques, Länderausstellung Portugal, Palazzo Franchetti

Die Ausstellung des diesjährigen portugiesischen Pavillons befasst sich mit vielen Themen, doch gleichzeitig sprechen die drei Videoinstallationen und fünf Gedichte von Pedro Neves Marques nie eines direkt an. Es wirkt viel eher wie in Sprache übersetzte Gedankenfetzen, deren Interpretation den BetrachterInnen offen gelassen wird. Die Geschichte der Videos steht hierbei ganz klar im Hintergrund und ist nichts weiteres als ein dehnbares Mittel, um Gedanken in den Köpfen der ZuseherInnen anzuregen. Gemeint ist hiermit, dass beispielsweise Objekte nie erklärt werden und Kontext-abhängig andere Rollen und Bedeutungen in der Geschichte annehmen, um die vielen unterschiedlichen Gedankenkonstrukte und Glaubensgrundsätze greifbarer zu machen.
Die Videos an sich bestehen großteils aus Monologen und Dialogen, die viel eher wie ein Gespräch mit den BetrachterInnen wirken. Die Vielfalt der Themen der Videos hier zu nennen wäre schier unmöglich – schon alleine deswegen, weil die "Themen" bei jedem Individuum völlig anders aufgenommen werden und sie nie an- bzw ausgesprochen werden. Die Auseinandersetzung findet hier ausschließlich im Kopf der BetrachterInnen statt.
Formal ist die Ausstellung auch sehr interessant, da die SchauspielerInnen bewusst mit Gender-Stereotypen brechen, beziehungsweise diese neu definieren. Fast alle der DarstellerInnen sind androgyn, aber auf eine neue Art und Weise – die sich nicht auf Stereotypen berufen, stattdessen wird eine neue geschlechterlose Ästhetik entworfen. Bei den Charakteren wird nie klar, welchem Geschlecht sie angehören und diese Information ist für die Auffassung der Videos irrelevant. Gender wird hier nicht zum Thema gemacht, sondern ist zum ersten Mal einfach nur Objekt und kein Subjekt. Dadurch wird es aber erst recht zu einem Thema – weil es innerhalb der fiktiven Welt normal ist, Charaktere so zu sehen und in der realen Welt nicht. Weil es neu ist, ist es zwangsweise Gesprächsthema. Die Ästhetik wird nicht normalisiert, sondern ist die Norm, denn es geht nicht um Repräsentation, ganz im Gegenteil: es wird nicht versucht ein politisches Statement zu äußern – die Charaktere sind einfach so wie sie sind. (akob Scharf)


5:

Gian Maria Tosatti, Italienischer Pavillon, Arsenale
In der diesjährigen italienischen Ausstellung “History of Night and Destiny of Comets” von Gian Maria Tosatti im Arsenale begegnen dem Besucher offenbar verlassene Teile einer Fabrik. Diese Teile wirken so, als hätten sie einem eine Geschichte zu erzählen. Mir erzählen sie die Geschichte vergangener Zeiten. Eventuell tragische Geschichten, Geschichten von unerfüllten Hoffnungen und Träumen. Die ganze Ausstellung hindurch verweisen Schilder darauf, leise zu sein und in den Ausstellungsraum darf man nur einzeln eintreten. Vom hellen Tageslicht in die abgedunkelte Atmosphäre der Rauminstallation zu treten und auf einmal in einem Raum der Stille zu sein, ist durchaus beeindruckend. Allerdings nimmt die scheinbare Spannung der Räumlichkeiten zu, je tiefer man vordringt. Wenn man aus dem kargen, hell erleuchteten Raum mit den herabhängenden Schläuchen in das möbellose Zimmer geht, das bis auf das große Fenster an einen Wohnraum erinnert, überkommt einen eine Ahnung, was der thematische Inhalt der Ausstellung sein könnte. Denn durch das Fenster fällt der Blick auf eine Halle, in der Tische mit Näh- und Spinnmaschinen stehen. Sofort kommt mir die Assoziation: Die Installation erinnert an die Ausbeutung unzähliger Menschen in Fabriken, die in ihrem Glauben an neue und bessere Zeiten in die Falle von Leid und Armut gelockt wurden. In der Ausstellung fühlt man durchgehend die Ernsthaftigkeit des Themas. Man ist imponiert, wenn auch gleich sprachlos, denn man spürt die Schwere vergangener Missstände. Aus diesen Gründen ist der italienische Pavillon einer unserer Favoriten der diesjährigen Biennale. (Hanna Zemlic)

6:

Katharina Grosse, Espace Louis Vuitton

Seit Ende der 1990er Jahre loten die raumgreifenden Arbeiten von Katharina Grosse die Möglichkeiten der Malerei weit über die Grenzen eines Rahmens oder einer Leinwand aus. Sie arbeitet mit Böden, Decken, Wänden, Objekten und sogar ganzen Landschaften, um multidimensionale Bildorte zu schaffen. „Apollo, Apollo“ wurde speziell für den Espace Louis Vuitton Venezia in einer schwarzen Umgebung geschaffen und zeigt ein Bild der Hände des Künstlers, das auf ein metallisches Netzgewebe gedruckt ist. Es stellt einen Moment dar, in dem die Grenzen zwischen dem Körper der Künstlerin und dem farbigen Material verschwimmen . “Apollo, Apollo“ vermischt das Transparente mit dem Undurchsichtigen, und schafft somit ein Tor zu einer traumhaften Welt, in der die Besucher ihre eigene Wahrnehmung von Realität und Illusion hinterfragen. (Lovis Meir, Benjamin Hochenegg, Kimi Hofbauer, Florian Klinghofer)

7:

Andra Ursata, Padiglione Centrale, Giardini

Zu den inspirierendsten Erlebnissen gehörten Andra Ursatas milchig-transparente Skulpturen, die Alltagsgegenstände und Körperteile zusammenführen. Sie erschafft Hybridwesen aus Abgüssen ihres eigenen Körpers und 3D-Drucken von gerettetem Abfall, Kulissen und häufig gebrauchten Objekten. Die Figuren erschaffen einen ruhelosen und verführerischen Anblick. Die Künstlerin lässt sich von amerikanischen Horrorfilmen und von visionären Kunstwerken von Frauen aus früheren Generationen inspirieren.
Meine persönliche Lieblingsfigur hat den Namen “Phantom Mass” (2021). Die texturierte Oberfläche zeigt eine Kollision von organischen und anorganischen Formen. Die Skulptur ist aus Bleiglas mit einem lila-weiß-grünen, wellenförmigen Muster. Bei genauerem Hinschauen ist eine kniende Frau in einem Korsett mit Stacheln, die ihre Brüste hält. Diese haben die Form von zwei Flaschen. Der Kopf ist als Eisklotz dargestellt und um die Taille hat sie ein Tuch gebunden. Die Beine haben die Form von gerettetem Abfall. In der Mitte ihres Oberkörpers ist ein Hohlraum, als würde sie kein Herz besitzen.
Andra Ursuta komponiert den Körper ihrer Figuren immer eingeschränkter, um sie mehr und mehr einzuengen. Ein oben genanntes Beispiel ist das Korsett mit den Stacheln. Sie integriert mehrfach stachelige Korsetts, Schnallen und Knochen, dies wird nach und nach zu den technischen Bestandteilen des sich ständig verändernden Cyborg-Körpers. (Laetitia Pasewald)